(ILF) Basis Setup

Immer mehr (traditionelle) Schützen verwenden inzwischen Takedown-Bögen mit dem ursprünglich für olympische Recurves entwickelten ILF-System. In dieser Schritt-für-Schritt-Anleitung zeige ich meine Vorgehensweise beim Setup eines neuen Bogens vom Auspacken über den Zusammenbau der Komponenten und der Grundeinstellung bis hin zu einem schießbaren Bogen.

Olympische Recurves waren früher aus Holz gefertigt, später nutzte man Mittelteile aus Aluminiumlegierungen und schraubte die Wurfarme daran fest. Hoyt stattete dann ein Modell namens Gold Medalist (TD4) mit einem justierbaren Stecksystem aus, nannte es International Limb Fitting und ließ sich das System patentieren. Die Vorteile gegenüber den bis dato üblichen Schraubsystemen waren beinahe revolutionär, Wurfarme konnten einfach und komfortabel ausgetauscht werden und es gab eine Möglichkeit, den Tiller und sogar das Zuggewicht zu justieren. Schnell entwickelte sich das System zum Standard in der olympischen Welt. Es sollte allerdings noch Jahre dauern, bis auch für traditionelle Schützen serienmäßige Modelle erhältlich waren. Der Hoyt Gamemaster war Anfang der 2000er Jahre der meines Wissens erste ILF-Jagdbogen (hatte allerdings etwas modifizierte Wurfarmaufnahmen, olympische Wurfarme passten erst nach etwas Bastelei).

Danach ging es recht schnell: der Gamemaster wurde durch neue Modelle ersetzt und insbesondere der Buffalo löste einen regelrechten Hype aus (nutzte jedoch das inzwischen neueste Stecksystem namens Formula) und immer mehr Hersteller boten Mittelteile, komplette Bögen oder Wurfarme an, mittlerweile ist das Angebot unüberschaubar. Nach diesem Exkurs aber nun endlich zur Praxis!

Zusammenbau

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Spannschnur, Checker, Inbusschlüssel, Malerkrepp und eine Schere – mehr braucht es nicht

Zunächst werden Pfeilauflage und Button montiert, vorausgesetzt der Bogen soll nicht vom Shelf geschossen werden.

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Button einschrauben und Pfeilauflage befestigen – könnte man auch gerade festkleben 🙂

Die Tillerschrauben erlauben neben der Justage des Tillers auch eine Verstellung des Zuggewichtes, je weiter sie hineingedreht sind, desto flacher wird der Anstellwinkel der Wurfarme und umso höher ist die Vorspannung. Ich starte meist, indem ich die Schrauben bis zum Anschlag (gefühlvoll!) eindrehe und jede Schraube anschließend um eine oder zwei ganze Umdrehung löse.


Wichtig: die Tillerbolzen haben Konterschrauben, deren fester Sitz unbedingt überprüft werden muss, auch wenn die Tillerbolzen nicht verstellt wurden. Im Ernstfall kann es sonst die Bolzen aus dem Mittelteil reißen, wenn der Bogen aufgespannt wird. Das gilt insbesondere für das W&W-System* mit geschlitzten Bolzen, bei denen die kegelförmige Konterschraube von der entgegengesetzten Seite eingeschraubt wird, die Bolzen so spreizt und im Gewinde verkeilt.

*Ich weiß nicht, ob Win&Win dieses System entwickelt hat und ob das noch aktuell ist, mir hat es aber bei einem alten Winact Riser einen Tillerbolzen aus dem Gewinde gesprengt, als ich nach der Verstellung des Tillers die Konterschraube vergessen hatte festzuziehen!


Die Schrauben für die seitliche Wurfarmkorrektur können geflissentlich ignoriert werden. Diese sind höchstens für Pedanten von Bedeutung, krumme Wurfarme schießt ohnehin niemand und verzogene Mittelteile auch nicht.

Nun werden die Wurfarme auf das Griffstück gesteckt, dabei die Kennzeichnung auf dem Etikett (oben – unten, lower – upper, top – bottom) beachten. Der federnde Metallstift in dem unteren Wurfarmfitting rastet mit einem hörbaren Klick in die Führung ein, man fühlt das auch.

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Jetzt kann die Sehne eingehängt und der Bogen aufgespannt werden. Entsprechend der Herstellerempfehlung wird die Standhöhe, gemessen vom tiefsten Punkt des Griffes bis zur Sehne, durch Ein- oder Ausdrehen der Sehne auf das passende Maß gebracht.

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Messen der Standhöhe

Der Tiller

Für den Tiller gibt es im wesentlichen zwei übliche Einstellungen: für den mediterranen Auszug (split finger) gilt ein Maß von 4 bis 6 mm als guter Ausgangspunkt, für den Untergriff (3under, auch für Stringwalker) wird ein neutraler Tiller eingestellt. Gemessen wird direkt am jeweiligen Ende des Mittelteiles bis zur Sehne. Neutral heißt, dass der gemessene Abstand oben dem unteren Maß entspricht. Ansonsten ist der obere Wurfarm aufgrund der Bogengeometrie geringfügig schwächer, der Abstand also größer als beim unteren Wurfarm. Nur in Sonderfällen tillern z.B. manche Stringwalker ihren Bogen negativ, d.h. mit einem schwächeren unteren Wurfarm.

Falls hier nachjustiert werden muss, löst man die Konterschraube des Tillerbolzens, der Bogen wird natürlich vorher entspannt*. Eindrehen der Tillerbolzen bewirkt eine höhere Vorspannung des Wurfarmes, dieser wird also stärker – der gemessene Tiller verringert sich. Bereits eine halbe Umdrehung der Schraube ist deutlich messbar, lieber nur wenig verstellen und öfter nachmessen. Nicht vergessen, jedes Mal die Konterschraube fest anzuziehen!

*Ich habe nur bei einem Hersteller (Gillo oder Spigarelli, jedenfalls italienisch) gelesen, dass die Tillerbolzen auch bei aufgespanntem Bogen justiert werden können. Alle anderen raten dazu, den Bogen zu entspannen.

Button – Grundeinstellung

Der nächste Schritt ist die Einstellung des Centershots, der vertikalen Position des Pfeiles im Bogen. Praktisch alle ILF-Bögen sind deutlich über Mitte geschnitten, der Pfeil zeigt im Gegensatz zu einem Langbogen nicht nach links sondern nach rechts. Löst man die winzige Madenschraube (Aufpassen, wenn die rausfällt, findet man sie nie wieder!) an der Befestigungsmutter des Buttons, kann diese losgedreht und der Button weiter in das Bogenfenster hinein- oder herausgedreht werden. Peilt man von hinten über die zentral ausgerichtete Sehne (z.B. die Tillerbolzen als Anhaltspunkt nehmen oder Kreppband auf die Wurfarme kleben und die Mitte anzeichnen), muss die Pfeilspitze minimal links der Sehne sichtbar sein. Dazu den Bogen irgendwo anlehnen, sodass der Pfeil aufgelegt werden kann ohne den Bogen dabei festhalten zu müssen.

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Sehne zur besseren Veranschaulichung nicht ganz mittig, siehe oberer Tillerbolzen!

Pfeilauflage

Die meisten Auflagen, egal ob geklebt oder geschraubt, erlauben eine Verstellung des Auflagefingers. Man stellt ihn so ein, dass sich der Pfeilschaft auf derselben Höhe wie der Buttonstift befindet und der Draht des Fingers nur wenig nach links über den Schaft herausragt.

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Schaft liegt mittig am Buttonstift an

Damit sind alle „Schraubarbeiten“ erledigt. Bevor man das Werkzeug wegräumt, ist es empfehlenswert, sämtliche Schrauben und Schräubchen auf ihren festen Sitz zu überprüfen. Auch die, an denen man nicht gedreht hat. Manchmal gibt es unerklärliche Geräusche oder der Bogen klingt, als würde er gleich auseinanderfallen. Ursache kann eine lose Schraube z.B. am Button sein…

Provisorischer Nockpunkt

Ein schmaler Streifen Malerkrepp, nochmals längs halbiert, eignet sich wunderbar. Mit dem Checker wird die Position des Nockpunktes festgelegt und drei oder vier Wicklungen angebracht, fertig.

ENDLICH!

Damit ist auch der letzte Schritt der Grobeinstellung erledigt, jetzt nochmals die Standhöhe kontrollieren und man kann endlich die ersten Pfeile fliegen lassen!

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Die ersten Pfeile auf 15 Meter. Rohschäfte zeigen deutlich nach rechts (nicht so gut zu erkennen) aber das ist ein komplexes Thema und verdient einen eigenen Artikel.

Das klingt alles nach verdammt viel Arbeit und einem zeitintensiven Unterfangen. Der Eindruck täuscht! Wenn alles benötigte Werkzeug bereit liegt, nicht erst noch Pfeile befiedert werden müssen oder eine Sehne gezirbelt, ist in einer halben Stunde der Drops gelutscht. Oder in einer ganzen, wenn man es entspannt angeht.

Der nächste Schritt wäre dann ein Rohschafttest zur Abstimmung gut fliegender Pfeile und für alle, die auch auf das letzte Quentchen an Präzision nicht verzichten möchten: der Bergertest zur superkorrekten Feinstjustage des Buttons.

Gewissermaßen nebenbei achtet man natürlich besonders am Anfang genau auf die Reaktionen und das Verhalten des Bogens, die Geräuschentwicklung, Vibrationen, Leistung und kann hier auch noch etwas experimentieren. Standhöhe variieren, evtl. den Tiller nachregeln, Gewicht anbringen, Wurfarmdämpfer, Zuggewicht verändern etc… Und nicht vergessen: Schießen! Schrauberei und Tuning können spannend sein und richtig Spaß machen. Man sollte aber bei aller Begeisterung nicht den eigentlichen Zweck der Übung vergessen. 🙂

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